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Sauer macht lustig?
Ein Tag in der Küche der MS Delphin
 

Text von Jutta Schobel
Fotos: Dr. A. Bellara

Ich koche leidenschaftlich gern. Drei-, vier- oder fünfgängige Menus sind für mich kein Stress, sondern kreative Herausforderung. Kochbücher finde ich spannender als Kriminalromane oder die Lebensgeschichte von Jules Verne: Meine inzwischen 120 Exemplare haben einen exponierten Platz im Bücherregal. Ich studiere sie regelmäßig und finde immer neue Rezeptkombinationen und Ideen für die nächste kulinarische Einladung. Richtig verlockend war da das Angebot, die Freude am Kochen mit einer Kreuzfahrt rund um Westeuropa zu kombinieren.

Schon immer wollte ich einmal in einer Schiffsküche arbeiten. Hansa-Kreuzfahrten machte es möglich. Und dann noch auf der MS DELPHIN, deren Küche mit großen Panoramascheiben ausgestattet ist. Diese liegt nicht – wie so häufig – im dunklen Schiffsbauch des Ozeanliners, viele Decks unterhalb des Restaurants. Sie grenzt direkt auf dem Salon Deck an das Restaurant Pazifik. „Hier muss Kochen besonders Spaß machen!“, dachte ich: „Kochen mit Meerblick oder Landsicht!“ Was wollte ich mehr? Coquilles Saint-Jacques mit Blick auf Honfleur, Gazpacho in Vigo, Caldo Verde und Bacalhau in Lissabon, Canard à l’orange und Souffléau Grand Marnier in Nizza! Die Euphorie stieg von Tag zu Tag, je mehr sich das Abreisedatum näherte.

Geduldig ließ ich alle ärztlichen Untersuchungen über mich ergehen, die vom Blutdruck über Hör-, Seh-, und Reflextests bis zur Speichelanalyse, Urin- und Stuhlprobe reichten. Mit meinem dreiseitigen „Medical Check“ und viel Enthusiasmus ging ich in Bremerhaven auf große Fahrt und konnte es kaum abwarten, meinen „Küchendienst“ beim Schweizer Executiv Chef Thomas Portmann antreten zu dürfen. Vier Tage sollte ich allerdings noch auf meinen Einsatz warten. Vier lange Tage, wie ich fand! Doch Zeit genug, als einer von rund 450 Passagieren, mittags und abends die von Maître d’Hotel Andreas Stubenrauch und seinem Team schnell und perfekt servierten Speisen zu probieren: Rinderfilet Wellington, pochiertes Kabeljaufilet, Züricher Geschnetzeltes, Wiener Fiakergulasch, Lammkeule mit Rosmarinjus ... Bald werde auch ich meinen kleinen Arbeitsbeitrag dazu leisten! Wie viel Schweiß, Hektik und Präzisionsarbeit jedes Mittag-, Abend- und Nachtessen für die 31-köpfige Küchenbrigade und das 39-köpfige Serviceteam bedeutet, ahnte ich noch nicht. Zum Glück, sonst hätte ich mir meinen Arbeitseinsatz vielleicht doch noch überlegt!

 

Konzentrierte Vorbereitung der Vorspeisenteller,
keiner schaut aus den großen Panoramafenstern



Frisch geduscht, mit blütenweißem T-Shirt, weißer Hose und rutschfesten Schuhen stehe ich nun endlich im Bereich der „heißen Küche“ vor „meinem“ Sous-Chef Silvio Richter, 30 Jahre jung, aus Leipzig. Er drückt mir gleich die Papierkochmütze und den Zestenreißer in die Hand, mit dem ich feine Streifen in die Schale von 26 Zitronen ziehen soll. „Pariser Schnitzel vom Schwein mit Preiselbeeren, eingemachtem Sellerie und Petersilienkartoffeln“ werden die Passagiere auf der Mittagskarte lesen. 180 Portionen sind geplant, 185 Zitronen-scheiben werden benötigt. „Kein Problem“, denke ich, als ich 26 leuchtend gelbe, abgespülte Zitronen vor mir liegen sehe. Doch schon nach nur zehn Minuten hätte ich mich „kampfunfähig“ geschnitten. Silvio Richter zeigt mir, wie ich das scharfe Küchenmesser ohne allzu große Verletzungsgefahr halten soll. Die kleine Schnittstelle am linken Zeigefinger schmerzt schon bei jedem kleinsten Zitronensafttropfen. Ich beiße die Zähne aufeinander und halte die nächsten 13 Zitronen durch. Es ist 9:30 Uhr. Links neben mir bereitet Koch Slawa aus der Ukraine 120 Nasi-Goreng-Vorspeisen für das Mittagessen vor. Rechts von mir im Kaltbereich werden schon emsig und scheinbar lautlos Käse- und Wurstaufschnittplatten für das Frühstücksbüffet in 22 Stunden präpariert, mit kilometerlangen Frischhaltefolien versehen und in den zahlreichen, abschließbaren Kühlschränken verstaut. Auf unserer 12-tägigen Reise werden es 168 Kilogramm Käse und Aufschnittwurst sein, die hier vorbereitet werden. Acht große Reisekoffer voll! Ihre Gesamt-länge scheint mir den Äquator zu umspannen ... Dass die DELPHIIN in Bremerhaven auch 200 Kilogramm Zitronen an Bord genommen hat, weiß ich Gott sei Dank noch nicht ... Sauer macht lustig?

Fein säuberlich werde ich nun im Kaltbereich meine Zestenmesser gerissenen Zitronen mit der großen Hobbart-Küchenmaschine in Scheiben schneiden. Sieben bis acht Zitronenscheiben erhalte ich aus einer Zitrone, insgesamt 185 Stück müssen es sein. Silvio Richter ist sehr kritisch mit meinen Zitronenscheiben, er akzeptiert nur die besten Stücke. Allerdings erfahre ich nebenbei, dass er sehr gerne auch auf der DELPHIN RENAISSANCE gearbeitet hat, obwohl er nur höchstens ein- bis zweimal im Jahr auf Heimaturlaub gehen kann. Auch seine 30 Küchenmitarbeiter sind täglich rund zehn Stunden im Einsatz, Schichtdienst nonstop von Montag bis Sonntag, vier bis acht Monate lang. Dass ich genau vor einer Panoramascheibe stehe, merke ich erst, nachdem ich meine ersten 185 Zitronenscheiben fertig, keinen Finger verkleinert und die Maschine gesäubert habe. Ob meine Mitreisenden meine gezackten Zitronenscheiben auf ihrem Teller überhaupt beachten? „Endlich Schluss mit Zitrone“, denke ich. Von wegen, es kommt noch schlimmer: 50 x 7 Viertel für die Zitronen-Kapernbutter für die abendliche „Truite arc-en-ciel à la grenobloise“, die gebratene Regenbogenforelle mit Weißbrotcroutons, Schmelztomate und Dampfkartoffeln! Und Koch Slawa ist noch viel strenger mit mir als Sous-Chef Silvio. Er toleriert auch nicht das kleinste Zitroneninnenhäutchen an meinen über 320 kleinen Filets, Kerne erst gar nicht. Inzwischen schwitze ich, habe Durst und spüre die winzig kleine Schnittstelle an meinem linken Zeigefinger immer stärker, die Haut der Hände beginnt zudem hell und schrumpelig zu werden. Warum müssen auch alle Soßen hier frisch präpariert werden? Gibt es keine Convenience Fertigzitronensaucen, die genau so delikat schmecken und keine körperlichen Schäden verursachen? Silvio Richter sagt kurz und knapp: „Nein, hier ist alles frisch und selbstgemacht!“ Ich füge mich meinem Schicksal.

Kurz vor der Essensausgabe,
die Abdeckhauben werden bereits platziert



Die Uhr zeigt 10:40 Uhr, ich habe gut eineinhalb Stunden leichte Küchenarbeit hinter mir, fühle mich durstig, flau und durchgeschwitzt. Für 10 Minuten verlasse ich die Küche und „erhole“ mich auf der Kabinentoilette, bevor es weitergeht. Ja, womit wohl: natürlich mit Zitronen, ... wie könnte es anders sein an diesem Vormittag? Sie werden beim mediterranen Abendessen die ägyptische Spezialität „Shurit Ads“, eine Linsensuppe mit Knoblauch, dekorieren. Als Zitronenspalten zieren sie wie kleine Segel den Suppentassenrand, werden wohl nie gegessen. Sie sehen interessant aus – und ich bin beschäftigt! Links neben mir werden kiloweise Riesengarnelen geschält. Ich werde ihnen am Abend bei den „Linguine Frutti di Mare“ wieder begegnen. Dass sie mich zur Weißglut bringen werden, ahne ich noch nicht.

Die winzig kleine Schnittstelle am linken Zeigefinger schmerzt unaufhaltsam weiter, die Haut der Hände wird noch schrumpeliger. Ich beiße die Zähne zusammen und halte durch.

Es ist 11.30 Uhr, insgesamt 80 Zitronen habe ich heute morgen „geschafft“. Das heißt: Eigentlich haben sie mich geschafft! Nur noch eine halbe Stunde bis zum Mittagessen für meine 450 hungrigen Mitreisenden. Vor- und Nachspeisen sind bereits in Position gebracht. Die Temperatur an den Küchenherden ist schon lange über 30°C gestiegen, nun wird auch noch die Ventilation von 2 auf 1 abgestellt. „Warum?“, frage ich mich. Damit keine Zugluft aus der Küche in den Speisesaal kommt. Ganz einfach. Mit den Temperaturen steigt proportional die Hektik in der Schiffsküche. Ich bin wieder völlig durchgeschwitzt, als Andreas Stubenrauch gegen 11.50 Uhr Hunderte von Abdeckhauben auf der Serviceseite der Heißküchentheke in Position bringt. Auf „meiner“ Anrichtenseite sind bereits sechs Meter mit kochendem Warmhaltewasser und den Essensplatten gefüllt worden. Auch die vorgewärmten Teller wurden platziert.

Jetzt beginnt meine erste Arbeit unter Zeitdruck! Ein leuchtend grünes Basilikumsträußchen muss mit einem großen Krabbenchip auf den von Slawa vorbereiteten Nasi Goreng gesetzt werden, anschließend kommt der heiße Teller auf die Anrichte. Ohne aufzuschauen schaffe ich 120 Portionen in nur 10 Minuten und bin stolz darauf! Dann ebbt die Nasi-Goreng-Order aus dem Speisesaal langsam ab. Küchenchef Thomas Portmann wird mit mir zufrieden sein. Erleichtert schaue ich wieder auf: 75 Amerikanische Steaktoasts mit gedämpften Zwiebeln, Tomaten-Cocktail-Sauce und „Pommes Chips“ erwarten mich schon für den warmen Zwischengang! Ich bin für die rosa Cocktail-Sauce zuständig. Es muss schnell gehen, jeder Handgriff muss sitzen, und kleckern darf ich schon gar nicht. Toast und Hamburger kommen auf die Sekunde genau vom großen Grillofen. Aber diese Sonderwünsche meiner Mitreisenden: Toast ohne Tomaten, Toast ohne Zwiebeln, Toast mit doppelter Fleischportion ...! Können sich die Passagiere nicht mit dem zufrieden geben, was auf der Karte steht? Nein, der Passagier ist König, die Küche erfüllt jeden Sonderwunsch! Sogar im fernen Brasilien, wo einst ein Passagier Gelüste auf Labskaus hatte!!!

 

Die Nachspeisen sind gebracht,
Irena Sayenko legt letzte Hand an


Und ich habe Gelüste auf mein Kabinenbett, als ich nach vier Stunden dem Küchenstress „Ade“ sage und nicht ansprechbar in meiner Kabine 2079 verschwinde! Für drei Stunden, dann geht es um 17 Uhr – geduscht und neu weiß eingekleidet – weiter, das Abendessen ruft. Von meinen Zitronenscheiben für die Schnitzel habe ich am Mittag nichts gesehen, ich war mit dem Nasi Goreng und den Hamburgern beschäftigt. Dafür begegne ich meinen Zitronenspalten bei der abendlichen Linsensuppe wieder. Und natürlich den rosafarbenen Riesengarnelen, die inzwischen frisch gegrillt sind, wunderbar duften, aber grausam schnell auseinanderbrechen. „Wie mag es hier in der Küche bei Seegang zugehen?“, frage ich mich und bin froh, dass der Atlantik heute ruhig wie ein Waldsee ist. Voll und ganz kann ich mich jetzt auf meine 182 Portionen „Linguine mit Meeresfrüchten in Weißweinsauce“ konzentrieren! Im Akkord werden Nudeln, Fischsauce, Riesengarnele und Basilikumblätter zu einer köstlichen warmen Vorspeise kombiniert. Die Teller sind heiß, die Plastikhandschuhe kleben daran, die Weißweinsauce bekleckert oft den Tellerrand. Das Servicepersonal schimpft mit uns ... zu Recht! Zum Glück habe ich nur 182 fröhlich grüne Basilikumsträußchen neben die Garnelen zu setzen und die Teller auf die Theke zu heben. Ob meine Tischnachbarn erahnen, dass ich schon wieder fast durchgeschwitzt und froh bin, wenn mein erster – und hoffentlich letzter – Arbeitstag in einer Schiffsküche zu Ende geht? Ob sie erahnen, dass Vitelliy neben mir jeden Tag für die Passagiere 70 Kilogramm frische Kräuter wäscht, hackt, wiegt und zu den Arbeitsstationen transportiert? Ein wenig verstehe ich jetzt auch, warum diese harte, körperlich anstrengende Arbeit fast ausschließlich von Männern gemacht wird. Nur die Chefin der Konditorei ist weiblich: Irena Sayenko aus der Ukraine.

Ich koche weiterhin gerne zu Hause (!) für die Familie, für Freunde und Bekannte. Drei- vier- und fünfgängige Menus sind kein Problem!!! Auch werde ich Griechische Zitronensuppe mit Kalbfleischnocken (zwei Zitronen), Zitronenpoularde (drei Zitronen), Zitronensoufflé (eine Zitrone), Rosmarin-Zitronensorbet (zwei Zitronen), Zitronencreme (drei Zitronen), Zitronenkuchen (vier Zitronen, zwei Limetten) auf dem Speiseplan haben. In meiner Küche macht sauer wirklich lustig.

Freudig begrüßt das Küchenteam
die nächtlichen Küchen-Besucher



Aber niemals möchte ich mehr in einer Schiffsküche arbeiten, auch wenn die Rou-te noch so interessant, das Panoramafenster noch so groß und die Mannschaft noch so nett wäre!

PS: Glück im „Zitronenunglück“ hatte ich wohl doch, dass ich nicht dem Abwasch zugeteilt worden bin. Hier werden täglich 9.000 Teller, 12.000 Besteckteile und 2.500 Gläser gereinigt!

Auch der Arbeitsplatz von Georgiy aus Georgien würde mir nicht gefallen. Er bereitet in einem winzig kleinen Raum ohne Fenster unterhalb der Küche neben den riesigen Kühllagern jeden Tag 300 Kilogramm Kartoffeln, 75 Kilogramm Zwiebeln, 40 Kilogramm Karotten und 20 Kilogramm Radieschen küchenfertig vor.

Ebenso der mitternächtliche Schichtbeginn der Bäcker, die tagein, tagaus 40 Kilogramm Mehl zu köstlichen Broten und 900 knusprigen Brötchen verbacken, hätte mich nicht fröhlich gemacht.

„Ob diese enorme Leistung der Männer und Frauen hinter den Kulissen auch alle Passagiere zu würdigen wissen, die bei der Besichtigung der Bordküche um 22.30 Uhr eine chromblitzende, gut durchlüftete Küche mit stets freundlich strahlender Crew erleben?“, frage ich mich und werfe einen großen Geldschein in das aufgestellte Dankeschön-Schwein.

Passagiere genießen zu später Stunde
in der Küche einen Snack